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Nicht mehr so young

Wie ich das Suede-Konzert im CCH zuerst verdächtig, dann verstörend und dann ganz hervorragend fand.

Von Martin Petersen. Veröffentlicht am 08.02. 2016

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Am vergangenen Freitag spielte die Londoner Band Suede, die vor 25 Jahren den Britpop mit begründete, nach einigen Jahren Abwesenheit in Hamburg. Es war ein Konzert, für das man ausschließlich Sitzplatzkarten erwerben konnte: Congress Center Hamburg (CCH), Saal 2.

Um zu verstehen, warum ich das verdächtig fand, muss man den Ort und die Band kennen. Das CCH ist ein Gebäude, in dem öfter Konzerte stattfinden, das aber eigentlich für Kongresse gemacht ist, und Saal 2 hat den staubigen Charme eines in den Siebzigern eingerichteten Universitätshörsaals.

Suede aber ist eine Band aus den Neunzigern, sie waren damals jung, drogensüchtig und unglaublich aufgekratzt. Suede-Konzerte waren alkoholdurchtränkt und ekstatisch. Wenn Suede im CCH spielt, ist das CCH entweder cool geworden, oder ich sehr alt – oder aber die Band hat irgendetwas vor, das ich nicht durchschaue. Dem musste ich auf den Grund gehen, also kaufte ich ein Ticket.

Am Konzertabend fühle ich mich mich falsch verbunden. Mit 37 bin ich augenscheinlich der Jüngste im CCH. Die anderen Konzertbesucher nehmen mit der Selbstverständlichkeit von Kongressbesuchern ihre Plätze ein. Im Foyer gibt es einen „Brezel Point“, einen Langnese-Stand und eine Getränkebucht mit Bedienungen vom Hostessenservice. Ob dies doch das Howard-Carpendale-Konzert ist? Ein Literaturabend, ein Lederverkäufer-Kongress?

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Mit drei Bieren bewaffnet versuche ich, den Konzertsaal zu betreten. Ein knapp volljähriger Aufseher im steifen roten Anzug sprintet hinter mir her, denn es herrscht Getränkeverbot im Saal. Ich und meine beiden Begleiter müssen unsere Biere in der Lobby hinunterstürzen. „Tut mir leid, so ist die Hausordnung“, entschuldigt sich der Aufpasser. Klar, wir sind ja nicht auf einem Rockkonzert. Oder – ja, wo sind wir eigentlich?

Kaum sitzen wir wieder, beginnt die Vorstellung – fast pünktlich – und alles gerät auf wundersame Weise in Ordnung.

Es ist dunkel, man sieht also den schlimmen Raum nicht mehr. Die Musiker stehen hinter einem semitransparenten Vorhang, auf den Filmszenen projiziert werden. Zu ausgewählten Momenten werden einzelne Bandmitglieder hinter der Leinwand illuminiert, sie tauchen wie aus einer dritten Realität auf und wieder unter. Die Musik ist dicht, fesselnd, die Filmszenen sind zwar inhaltlich unverständlich aber sie fügen sich mit der Musik in ein beeindruckendes Kunstwerk. Suede spielt ihr gerade veröffentlichtes Konzeptalbum „Night Thoughts“ in einem Stück durch. Eine Dreiviertelstunde lang folgt Song auf Song, dann geht das Licht an. Pause.

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Und wieder die Parallelwelt. Das Gefühl, auf einer Veranstaltung zu sein, deren Zweck und Sinn ich als einziger nicht verstehe. Die Ü-40-Gäste auf der Raucherterrasse – ja, alte Leute rauchen noch – Die gereiften, graumelierten Britpopper um mich herum. Bin ich Teil dieser Gesellschaft? Erleichterung, als ich einen Spiegel finde: Ich sehe fast so aus, wie ich mich kenne. Vor der Toilette Männer in meinem Alter, die – vermutlich – auch so aussehen, wie immer. Dann das beklemmende Gefühl, dazuzugehören.

Es klingelt. Wir sind wohl doch im Theater. Zweite Klingel, dann die dritte. Bitte wieder die Sitzplätze einnehmen. Drinnen hat sich etwas verändert: Die halbdurchsichtige Leinwand ist gefallen, Nebel liegt über den vorderen Reihen. Es folgt ein Rockkonzert, Suede von früher für heute. Etwa die Hälfte der Gäste steht auf und drängt sich vor die Bühne.

Auch dieser Teil des Konzerts ist perfekt inszeniert: Hits („Trash“, „Animal Nitrate“, „Metal Mickey“, sogar „So young“ zum Mitsingen, was in unserem Alter notgedrungen komisch wirkt), allesamt mit Charme kommentiert von einem wirklich hervorragend singenden Brett Anderson. Dann eine Perle für Suede-Fans, der stärkste Song des B-Seiten-Albums „Sci Fi Lullabies“, Dark Star, den Anderson mit den Worten einleitet: „This one is for the ones that come to every concert of ours. You know who you are.“ Noch ein kurzes, starkes Zugabenset, danke, die Band ab, das Licht und die Saalmusik an. Kein Missverständnis möglich, die 40-jährigen Gäste fügen sich und machen sich dankbar auf den Heimweg. Es ist ja auch schon spät, 22:30 Uhr.

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Was war das jetzt? Eine Art Kinoabend mit Live-Begleitung, gefolgt von einem Retro-Spektakel, an einem nach wie vor unpassenden Ort. Vor allem aber war es gelungen. Ich habe nun begriffen, dass Suede auf gute Art erwachsen geworden sind. Technisch sind sie besser als je. Ihr neues Album hat Tiefgang und Raffinesse, es klingt reif. Die Inszenierung der Show war so professionell, das man diese Professionalität gar nicht mehr übelnehmen kann. Danke, Suede. Ich werde das nächste Mal wiederkommen, auch wenn ihr in der Fischauktionshalle spielt – denn das wird schon seinen Grund haben.

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